Profis 24.01.2021 — 17:20 Uhr

Mit Mut zum Risiko & zu drei Punkten

Überzeugender Auftritt auch durch Daten belegt - Emotionaler Kapitän empfindet "Erleichterung, Freude, Begeisterung", Svensson sieht Verbesserungspotenzial

Nur äußerst selten ließen die 05ER um Danny da Costa & Jeremiah St. Juste dem Gegner Luft zum atmen.

Es lässt sich nur unschwer erahnen, welche Emotionen dieser Auftritt gegen Leipzig am Samstagnachmittag in einer vollbesetzten OPEL ARENA ausgelöst hätte. Für einen leidenschaftlichen, mutigen und aktiven Ansatz hatte sich Bo Svensson entschieden und war dafür belohnt worden. Kampfeslustige Mainzer stellten dem zweitplatzierten, haushohen Favoriten trotz zweimaligen Rückstands verdient ein Bein und bewiesen, dass mit ihnen im Abstiegskampf weiter zu rechnen sein dürfte. Vorausgesetzt, der FSV wird diesem selbst gesetzten Maßstab in Sachen Intensität und Willen auch in den kommenden Wochen und Monaten gerecht. Das Rüstzeug bringt die Mannschaft mit, wie auch der Blick auf die Daten nach diesem spektakulären 3:2-Erfolg unterstreicht.

Exemplarisch für die ausgestrahlte Geschlossenheit des Teams stand die 50. Minute. Soeben hatte 05-Eigengewächs Leandro Barreiro seine Elf erstmals in Führung gebracht und durfte anschließend zugleich sein erstes Bundesliga-Tor bejubeln, welches der erst einen Tag zuvor verpflichtete und stark aufspielende Danny da Costa (88 Prozent gewonnene Zweikämpfe) exzellent vorbereitet hatte: Jonathan Burkardt unterbrach seine Aufwärmübungen und setzte zum Sprint über den halben Platz an, um seinem ehemaligen Mitspieler im Mainzer Nachwuchsleistungszentrum zu gratulieren und teilzuhaben an der rot-weißen Jubeltraube. Ein Treffer, der Kräfte freisetzte. Und so beschränkten sich die 05ER in den verbleibenden 40 Minuten (plus ganzer sechs Minuten Nachspielzeit) auch keineswegs auf die Verteidigung der unverhofften Führung, sondern bearbeiteten Leipzig weitestgehend fernab der gefährlichen Zone rund um das eigene Gehäuse, wo Robin Zentner die einzigen zwei aussichtsreichen Versuche von Christopher Nkunku (63.) und Nordi Mukiele (82.) glänzend abwehrte.

Drei Premieren & Gesichter des Erfolgs.

Wir wollten etwas mehr Risiko gehen

Viel mehr ließen die 05ER nicht zu, setzten selbst immer wieder Nadelstiche und brachten den Sieg letztlich souverän über die Zeit. Eine Erklärung lieferte im Anschluss Stefan Bell, der die Abwehr zum dritten Mal in Folge souverän organisert hatte: "In der zweiten Halbzeit wollten wir noch einen Tick höher pressen, weil wir nicht das Gefühl hatten, dass Leipzig dann viele Lösungen hat. Wir wollten etwas mehr Risiko gehen und lange Bälle erzwingen. Das hat gut funktioniert, wir hatten unsere Balleroberungen höher und haben ihn auch in der gegnerischen Hälfte gehalten. Wir waren einfach aktiv und das hat extrem Spaß gemacht", so der Innenverteidiger.

Daten als Beleg für Intensität

Und die in der Tat hochaktiven Mainzer verdienten sich neben drei Punkten auch mit Blick auf Lauf- und Zweikampfdaten Spitzenwerte. Ein Faktor: Die Gastgeber verbuchten elf Ballgewinne in des Gegners Hälfte, Leipzig hingegen kam auf sechs. 24 Balleroberungen in direkten Zweikämpfen insgesamt bedeuteten drei mehr als der übliche Bundesliga-Schnitt pro Partie, die 05ER selbst kommen hier derzeit durchschnittlich auf einen Wert von 19. In einer weiteren, insbesondere für den 05-typischen aggressiven Spielstil bedeutungsvollen Kategorie, belegt der FSV im Ligavergleich gar Rang eins und dürfte diese Führung gegen RB weiter ausgebaut haben: 152 Sprints gegen den Ball absolvierten die Rot-Weißen am Wochenende, wobei der eigene Schnitt hier bis dato bei 141 lag. Ein weiteres Ausrufezeichen sowie zugleich Beleg für die Intensität, mit der die Rheinhessen zu Werke gegangen waren und künftig Woche für Woche gehen wollen.

Nur so geht's: Kapitän Latza will die Leistung aus der Partie gegen Leipzig auch am Freitag in Stuttgart bestätigen.

Herz auf dem Platz gelassen

"Wir wollten unser Herz auf dem Platz lassen, sind zweimal zurück gekommen und haben gewonnen. Eine großartige Leistung und Mentalität", gab Doppeltorschütze Moussa Niakhaté nach der Partie zu Protokoll. Gesagt, getan. Auf die persönliche Leistung wollte der Franzose indes gar nicht näher eingehen und betonte, dass es nicht um Einzelne, sondern um den Verein und seine Fans gehe. "Ich bin jetzt seit zweieinhalb Jahren hier und habe mehr Verantwortung. Entsprechend geht es darum, dem Verein etwas zurückzugeben. Das kann ich mit Toren machen."

Begeistert und stolz über den Auftritt seines Teams zeigte sich nach dem ersten Heimsieg der Saison auch Kapitän Danny Latza: "Erleichterung, Freude, Begeisterung", zählte der 31-Jährige auf. "Wie wir gespielt und gekämpft haben. Die Leidenschaft, der Kampf, das Team. Das hat mir ein gutes Gefühl gegeben auf dem Platz, wie wir uns in jeden Zweikampf geworfen haben und jedem Ball hinterher gelaufen sind. Das war heute der Schlüssel." Erschöpft, aber glücklich freuten sich die 05ER zurecht über diesen überaus gelungenen Auftakt in eine Rückrunde, in der weiter zur Aufholjagd geblasen werden soll.

Inhaltlich gibt es sicher viele Dinge, die wir besser machen müssen

Dass man sich nicht ausruhen werde auf diesem Erfolg, unterstrich der Cheftrainer in seiner Analyse auf der Pressekonferenz nach der Partie: "Zur Pause war es ein glückliches Unentschieden für uns, in der zweiten Halbzeit haben wir uns dann mehr verdient. Wir freuen uns richtig über die drei Punkte. Und dass die Gruppe sich einmal belohnt hat für den hohen Aufwand. Inhaltlich gibt es sicher viele Dinge, die wir besser machen müssen. Ich kann nicht vermeiden, dass wir auf die Tabelle gucken. Aber es geht darum, die Sachen jeden Tag zu beeinflussen, die man beeinflussen kann. Und das war heute, gegen Leipzig zu gewinnen und ist morgen, aus dem Spiel gegen Leipzig zu lernen", sagte Svensson. Dass es im Mainzer Fußball zwar nie eine Ergebnisgarantie geben könne, er aber stets eine Leistungsgarantie einfordere, hatte der Däne im Rahmen seines Amtsantritts erläutert. Dass Leistung, im Verbund mit maximaler Bereitschaft, die Wahrscheinlichkeit auf Erfolgserlebnisse steigert, hat der Samstagnachmittag eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Eine weitere wichtige Erkenntnis dieses emotionalen Weckrufs in der OPEL ARENA, in der die Mainzer seit Juni vergangenen Jahres keine drei Zähler mehr hatten bejubeln dürfen.

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