Profis 13.01.2022 — 10:30 Uhr

Holtmann: "Mein Jubel hätte dezenter ausfallen können"

Vor dem Doppelpack gegen Bochum spricht der ehemalige 05ER über diese besonderen Herausforderungen, das erneute Wiedersehen und die Bedeutung des durch ihn im Hinspiel erzielten ersten Bundesliga-Treffers des VfL seit elf Jahren

Duell an der Seitenlinie: Auch im Rückspiel könnte es Holtmann mit FSV-Rechtsverteidiger Silvan Widmer zu tun bekommen.

Der finale Durchbruch zum Stammspieler blieb Gerrit Holtmann beim FSV zwischen 2016 und 2019 - auch aufgrund diverser Verletzungen - verwehrt. 29 Pflichtspiele absolvierte der heute 26-jährige Flügelflitzer in drei Saisons in Bundesliga (2 Tore, 2 Assists), DFB-Pokal und Europa League für die 05ER und wusste dabei stets durch Einsatzfreude und Offensivdrang zu überzeugen. Diesen lebt er mittlerweile bei Aufsteiger VfL Bochum aus, für den ihm im Hinspiel gegen die Rheinhessen im August sogar ein Treffer gelungen war.

"Mainz 05 war für meine Karriere unheimlich wichtig", sagt Holtmann vor dem Wiedersehen am Samstagnachmittag (15.30 Uhr) in der MEWA ARENA im Interview, in dem er außerdem über den bevorstehenden Doppelpack spricht, seinen Torjubel rechtfertigt und die 05ER auf Europa-Kurs sieht.

Wie zufrieden wart ihr mit dem Auftakt gegen Wolfsburg?

Holtmann: Wir haben mit Fürth zusammen am frühesten wieder mit dem Training begonnen und nach den fünf, sechs freien Tagen intensiv an der Grundfitness gearbeitet. Das war wichtig, um bereit für die Rückrunde und gegen Wolfsburg erfolgreich zu sein. Wir hatten ein bisschen Druck aufgrund der beiden Niederlagen vor Weihnachten, was man uns schon auch angemerkt hat. Dennoch hatten wir diese eine Möglichkeit im Spiel, die wir genutzt und so gewonnen haben. Das tut einfach gut zu Jahresbeginn.

Was habt ihr euch im Sommer als Aufsteiger vorgenommen?

Holtmann: Es ging eigentlich schon los, als wir am 34. Spieltag gegen Sandhausen gespielt haben und der Aufstieg feststand. Der Trainer hat in seiner Ansprache gesagt, dass wir uns nichts komplett Neues einfallen lassen, sondern die Richtung beibehalten wollen, die uns zum Aufstieg geführt hat. Natürlich zahlt man in der ersten Liga dann auch mal Lehrgeld, was uns aber ganz einfach auch enger zusammengeschweißt hat, um anzukommen. Das war spätestens nach dem 0:7 in München der Fall. Thomas Reis und das gesamte Trainerteam haben die richtigen Stellschrauben gefunden. Mit 20 Punkten in die Rückrunde zu gehen, hätten hier im Sommer sicher alle unterschrieben. Und daran wollen wir weiter anknüpfen.

Ihr habt 17 eurer 23 Punkte zuhause eingefahren und das Ruhrstadion zu einer Festung gemacht: Nun müssen wir alle zunächst wieder auf Zuschauer verzichten. Wie schwer fällt das?

Holtmann: Speziell in Bochum fehlen sie uns, weil sie extrem laut sind, den Fußball leben und dem VfL häufig wirklich alles unterordnen. Ich glaube, man muss mal hier gespielt haben, um es so richtig nachvollziehen zu können. Je länger es 0:0 steht – das hat man beispielsweise in den Spielen gegen Hoffenheim oder Freiburg gesehen – desto nervöser werden die Gegner, die Zuschauer peitschen uns nach vorne.

Ich glaube, man muss mal hier gespielt haben, um es so richtig nachvollziehen zu können

Aber wir sind ohne Fans aufgestiegen, können es nicht ändern und müssen das Beste aus der Situation machen. Die Pandemie lässt uns alle nicht los und nervt natürlich. Wir vermissen die Unterstützung, aber die Fans vermissen die Stadionbesuche wahrscheinlich noch viel mehr. Auch in Mainz wären jetzt am Samstag einige Freunde von mir dabei gewesen, die das Spiel nun nur vor dem Fernseher verfolgen können.

Sehr laut war es in Bochum auch am zweiten Spieltag. Ausgerechnet du hast getroffen. Wie erinnerst du dich an das Duell?

Holtmann: Natürlich war gerade das erste Bundesliga-Heimspiel für Bochum nach elf Jahren etwas ganz Besonderes. Das hat man schon beim Einlaufen gespürt, was es für die Menschen bedeutet hat. Das war ein sehr, sehr schöner Moment. Dass ich dann auch noch getroffen habe, hat das Spiel abgerundet. Mein Jubel hätte sicherlich etwas dezenter ausfallen können, aber in dem Moment war es emotional nicht möglich, weil mir nicht bewusst war, dass es die ehemaligen Mannschaftskollegen trifft. Es war für Bochum ganz einfach ein historischer Moment. So schnell werde ich ein solches Tor aber sicherlich nicht wieder schießen (lacht).

Wie hast du die Entwicklung des FSV seit dem denkwürdigen Aufeinandertreffen im Pokal im Dezember 2020 verfolgt?

Holtmann: Das war wirklich ein Moment, in dem auch ich gedacht habe: 'Mainz 05 könnte oder wird am Saisonende absteigen.' Was aber dann im halben Jahr danach passiert ist, war unglaublich. Ich habe mir in der Rückrunde alle Spiele angeschaut, weil ich natürlich noch eine Verbundenheit spüre und zu einigen Jungs Kontakt habe. Die Serie und der Klassenerhalt haben mich total gefreut. Eine grandiose Leistung des Teams, der Trainer, des Staff. Mainz hat eine klasse Entwicklung genommen und ist aus meiner Sicht auf Kurs Europa, wenn sie so weiterspielen…

…und am Samstag Bochum schlagen!

Holtmann: …das möchte ich natürlich nicht (lacht). Wir werden alles dagegensetzen und alles geben, um weiter Punkte für den Klassenerhalt zu sammeln.

August 2018: Holtmann im 05-Trikot im Duell mit dem VfB Stuttgart.

Was verbindest du noch mit deiner Zeit in Mainz?

Holtmann: Die Jahre haben mir wahnsinnig geholfen, keine Frage. Auch, wenn ich kein klassischer Stammspieler war, war es eine wichtige Erfahrung, Bundesliga-Luft zu schnuppern und ein Gefühl dafür zu entwickeln, auf diesem Niveau mithalten zu können. Mein schönster Moment war ganz klar der Klassenerhalt unter Sandro Schwarz 2017/18, als Ridle Baku gegen Leipzig getroffen hat und wir es eine Woche später in Dortmund perfekt gemacht haben. Wir hatten eine schwierige Phase und haben uns durch spektakuläre Siege gerettet, obwohl viele nicht mehr an uns geglaubt haben. An diesen Erfahrungen wächst man und kann sie nun an jüngere Spieler weitergeben. Man darf einfach niemals aufgeben und muss in jedem Spiel an seine Chance glauben. Mainz 05 war für meine Karriere insofern ungemein wichtig.

An diesen Erfahrungen wächst man und kann sie nun jüngeren Spielern weitergeben

Jetzt treffen wir gleich zwei Mal binnen drei Tagen aufeinander. Wie groß ist die Herausforderung, sich in der Kürze der Zeit auf den gleichen Gegner vorbereiten zu müssen?

Holtmann: Das ist brutal, und es ist natürlich kurios, dass wir jetzt gleich zwei Mal hintereinander aufeinandertreffen - und schon im zweiten Jahr nacheinander im Pokal. Man hat es in den Spielen der 05ER gegen Bielefeld gesehen. Beide Mannschaften haben mehr oder weniger auf Augenhöhe agiert. Man darf den Gegner also, auch unabhängig vom Ergebnis im ersten Spiel, nicht unterschätzen. Zunächst einmal geht es aber nur um das Spiel am Samstag. Das wird eine richtig schwere Aufgabe, weil Mainz eine absolute Heimmacht ist. Ich freue mich extrem, genauso wie Sebastian Polter sicherlich auch. Wir haben die Chance, Mainz in der Liga zu überholen und im Pokal ins Viertelfinale einzuziehen.

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